Die Mehlspeisen der Familie Schmangs

der vater…der vater…der vater sitzt in seiner eigenen hosentasche und versucht etwas zu sagen, aber das möchte nicht kläglich klingen, das möchte in sich feinfühlig sein, das will doch im besonderen erkannt werden als etwas dass man jeden tag haben kann.

 

so fern ist alles, das sagt die mutter oder sie denkt es, sie denkt an einen frühlingsgrünen tag,

sie hatte einen aschenbecher in der rechten und feigen in der linken hand

etwas ist lichter geworden

ausgewogener

verlässlicher und  verloren

ja

verloren

 

weißt du sagt herr schmangs und der duft der in seine nase zieht und der klang der

kerzen die manchmal wenn man sie vergißt heimlich leuchten und der nagel der

noch immer an der wand hängt, an dem früher einmal die großmutter und der

großvater der vormieter hing

die aussahen als wären sie nur für dieses foto alt geworden…..

weißt du wie wir uns kennenlernten…

 

ja, sagte frau schmangs, damals aß sie eine mehlspeise nach der anderen

danach wollte sie in den zoo

um das übriggebliebene zu verfüttern

aber da blieb nichts mehr übrig

sagte herr schmangs und es war einleuchtend dass er dazu lächelte

der sanfte

er erinnerte sich gerne dass er mal ein baby war

das waren zeiten pflegte er zu sagen und

biss übermütig auf seine zunge

 

nachts träumte er davon

nachts träumte er den alten babytraum

 

er war ein baby und er wusste nichts

er sah die welt, die welt sah ihn

da gab es nichts dazwischen

 

als er erwachte legte er die augen zur seite

er wollte nicht zurück in den tag

der einen stuhL, einen tisch und eine flasche backbierpulver für ihn übrig hatte

 

er wäre gerne hinabgestiegen

dort wo die träume wachsen

irgendwo in der nähe der tage musste es sein

Elke erzählt---gelesen von Schauspielerin Jo Kern

Der Garn

da hinten in der ecke liegt ein garn

heb es auf

heb das garn auf

es ist ein ungarisches garn

es kommt aus budapest

es kommt aus ungarn das garn

das ist logisch dass das garn aus ungarn kommt

es kommt aus ungarn und es spricht französisch

es spricht wenn es ein strohhalm in der hand hält natürlich auch ungarisch

wie soll es auch nicht ungarisch sprechen es kommt ja aus budapest

budapest liegt sehr in ungarn

liegt so sehr ungarn dass man einst bestimmte: du bist unsere hauptstadt

da wurde sie ganz rot die stadt und warf mit garn um sich

und seitdem findet man immer wieder garn in den ecken

drum heb es auf

heb es auf das garn

es kommt aus ungarn das garn woher denn sonst?

Elke erzählt

so wie wien

ich lernte eine frau im dezember kennen
es war in wien
aber sie kam nicht aus wien
sie war zu besuch
ihre eltern lebten dort
das heißt sie glaubte
sie würden in wien leben
aber sie lebten nicht in wien

ich kam mit dem zug
ich hatte einen koffer dabei
da war nichts außer meinem rasierpinsel drin
ich würde nicht lange bleiben
das waren die worte die ich zu meiner heterogen frau sprach
sie kochte kaffee und sagte
bring mir was mit

ich sprach die frau an
sie kam nicht aus wien
aber ich sprach sie vor einem wiener gebäude an
ich fragte sie
wer das sei
sie sagte
das ist ein gebäude
ich lachte
sie fragte mich
ob ich es ernst meine
ich bejahte es

wir gingen zusammen durch wien
kaufen wir uns doch zwei obstschalen
sie schlug es vor und ich willigte ein
es war sommer
der neuschnee war weit
ich kroch unter ihre decke

sie fragte
wie ich zuhause genannt werde
und ich sagte
dass ich zuhause nicht genannt werde
das verstand sie
sie sagte
ich werde zuhause auch nicht genannt

wir starrten auf die zwei obstschalen
sie sahen aus wie wütende gesetze
wir standen auf
kochten kaffee

ich dachte an meine frau
ich sagte
eine obstschale nehme ich mit
für deine frau stellte sie fest
woher weißt du dass fragte sie
ich lese mit sprach sie

Die Schöne

ICH SPRINGE AUS DEM BUS
ich setze mich auf eine bank
ich denke nach
ich höre ein lied im radio
ich durchkämme das universum
ich bade im schnee
ich höre wie du sagst
ich bin wunderbar
ich bin schön
ich esse gerne schokolade
ich liebe es wenn du dummes zeugs redest
ich aber rede kein dummes zeugs
ich bin talentiert
ich habe gestern meine geldbörse verloren
ich werde sie auch heute wieder verlieren
ich werde mir morgen eine trommel kaufen
ich stelle mich vor dein fenster
ich trommele so laut bis DU ENDLICH EINGESCHLAFEN BIST!!!!!!!!

Löscht das Licht

sie steht auf
friert
gähnt
dann setzt sie sich wieder

scheisse

ruft sie

scheisse so ohne gänsefüßchen
du hängst zu hoch mein liebling
schatz
brummelzwerg
bussi pausi komm runter
es gibt hier flachmänner die wollen entdeckt sein
sie haben uns beschwindelt weißt du
sie steht dir gut die blasse farbe
müffelchen
ich streit alles ab
weißt du

sie steht auf

hast geschrieen kurz ganz kurz
und dann
baumelst wie ein weihnachtsbaum
du?
vielleicht kommen leute
eintritt frei getränke kosten das vierfache fünffache sechsfache
wir machen reibach schatz
DU SCHWEIN
guck mich an
gut
die luft steht still
ich sollte dich nicht anschreien
du kannst ja nichts dafür

die frau geht weiter
sie sucht etwas in den ecken
vielleicht einen spiegel

ich suche keinen spiegel
lösch du das licht
nein ich
gestern klebte ich alte fotos in ein neues fotoalbum
ich sah dir in die augen
du warst so fern
wo sahst du damals hin
die erinnerung grenzt die zukunft aus
die türe ist auf
du bist gegangen
die müdigkeit hat dich aufgeleckt
der bündel unserer gemeinsamkeit fängt an zu stinken

während sie

damals schrieb ich ein gedicht
während
sie badet

das war morgen
das wird heute
das kann gestern gewesen sein

sie unter einem regenschirm
zwei nester
die von ihrem feld
nicht verschwinden wollten

unter uns die u-bahn
die wir nicht hören

das badewasser ist so laut
und es fragt dich niemand
warum man aussteigen muss

wie die nächte zu den ortstarifen laufen
wie sie langsam ihren schatten
aus den klamotten schält

fussfassend

es wird jeden tag neu geboren und wir stehen da
hören die falschen radiosender und
warten auf ein gesicht dass uns nicht ähnlich ist

ich lösche das licht in einem sehr anderen gang
ich sehe nach ob im zimmer gegenüber
jemand brennt
irgendein dichter der vergessen will

es wird jeden tag neu geboren
unsere schritte die uns so fremd sind
wie den flüssen der ganges
wie die nacht die man mit kollegen verbringt
man kennt diese kollegen nicht
aber man verbringt sie
die nacht
die doch auch neben dir stehen könnte
sehr leise
langsam fussfassend

schneekarte

wie schade dass ich rufen muss
schnee liegt auf deiner bahnfahrkarte
viel lieber würde ich schneien
und deine bahnfahrkarte sein

am 16.9.1903

nenn es wie du willst
wenn ich es ausspreche klingt es als würde ich dir etwas von meinem versagen erzählen und wenn du an den besten stellen lachst
hat es seinen zweck erfüllt

draußen dreht eine brave frau ihre runden
aus ihrem schweigen kann man die augen erahnen
die auf sie zeigen

oft wenn ich falle denke ich
habe ich den schlüssel für alles gefunden
und geschwind lasse ich ihn wieder los
soll ein anderer ihn finden und damit unglücklich werden

im herbst brennen diese bäume

am 15.09. 1903 lag jemand im bett
und stellte sich vor
der arm seiner liebsten
hinge gar nicht an ihm

das fenster stünde offen
die minuten würden auch
im jahre 1903 vergehen
wie sie es alle tage tun

lustige greise ziehen mit
dunkler asche durch
die strassen
reden von der zeit
als es noch nacht wurde und
man am tag darüber reden konnte

während er in den armen der liebsten
nicht mehr die arme der liebsten erkennt
als wäre dass was er in den armen hält
eine frau
mit einem gesicht das immer sprachloser wird
desto länger es klingt als wäre er
die nächsten paar jahre auf immer
nur ihr gast
den sie berührt
den sie fragt
und was tun die greise wenn sie niemand nachzeichnet

Das Bild einer Frau

vier typen die über den nächsten streik reden
dünne finger stecken sie in den sand

das gesicht
blau
weiß
dunkelblond
oder
die haare verziert mit
ein wenig gras aus der wüste
kommt dass sicher nicht her

das gesicht
zum weinen
nicht schreckhaft
aber beseelt von dem gedanken
schreckhaft zu sein

einer von den vieren könnte ihr liebster sein
könnte ihr zum spass ein haar rausrupfen
könnte ihr etwas erzählen von der geduld
der kleinen leute
von der wut aber erzählt sie

dann geht sie weg; nicht weit
aber
weiter als jeder schritt
weiter als ein harmloser satz

kinder könnten ihr hinterhergehen
sie fragen
wann endlich
sie darf sich nicht zu ihnen umdrehen
denn sonst gibt es diese antwort nie

DAS NEUE HEFT

heft


wo

in den gräbern ist das leben eingezeichnet
die kratzer zwischen den namen
dass bist du

Mein Film Selma Wunderkind

zum trocknen

nichts
außer diese tage im januar sind noch da
das brennen der höfe
du unter einer gaslampe
der flüchtige blick kehrt zurück
kehrt die strasse bis runter zu den seiten
die verlassen sind vom schweigen
die blätter du hebst sie auf
bläst sie ins trockene
von einer schicht zur anderen
so könnte es märz werden
der wald geht in dir spazieren
du trägst die leeren stellen nach hause
später setzt du sie wieder aus
das alles ist zum weinen nicht da
das alles kann dich nur entgeistert anstarren
die flaschenpfandkinder gehen los
schau ihnen nach
du sagst zu allen marie
du sagst zu allen
komm wieder
wir regieren die flüsse
wir ordnen dein haar
wir das sind keine namen
marie
wir
sind die stellen hinter den namen

Das Superabo

Ab Februar geht es wieder los!
12 Hefte mit den außerirdischen Gedichten
von Herrn Hilbig, wer möchte die nicht
nach Hause geschickt bekommen haben?
Wer möchte nicht zuhause sitzen und
die Gedichte laut vorlesen, damit auch
die Topfpflanzen etwas davon haben.
Greifen Sie jetzt zu.....

Goethe geht

als goethe noch gänzlich unbekannt war
aber bereits seine berühmten
um nicht zu sagen
berühmtesten mantel trug
jenen mantel mit der es sich
seinerzeit mit annabelle fotografieren ließ
jenes foto dass damals um die welt und damit verloren ging
jenes bild von den goethe einst schrieb
es ist verloren..
jene berühmten worte von denen er aber noch weit entfernt war
wie weit war man von worten entfernt so goethe
er sprach zum berg
der mantel umhüllte den körper des berühmten dichters
der berg schwieg
wie weit rief goethe
er machte eine große geste und dann nie wieder eine
so war goethe
so kannte man ihn
wir sind meinte er dann
er meinte es nicht so
aber hätte man ihn damals gesehen
man hätte ihm sicher geglaubt

im scharlachroten bett

ich bin krank
nein nicht am sterben
zum sterben bin ich zu krank

ich liege im bett
neben mir eine rote surrealistin
sie sagt sie käme aus frankreich
aber sie spricht nicht französisch genug
das sage ich ihr und sie sagt
das macht deine krankheit
deine krankheit macht alle sprachen gleich

irgendwo hängt einer an einem birnenbaum
im winter ist es egal wo ich hänge
mag er denken
oder denkt nichts mehr
ist eh das beste
nicht denken
birnbaum suchen und loslassen
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Familie Schmangs und ihre Kinder

Texte von Hans-Jürgen Hilbig...Gelöschte oder auch nicht gelöschte Texte, dürfen nur mit Genehmigung des Bloginhabers veröffentlicht werden

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